(herausgegeben vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden im November 2006)
Hintergrund
Die Bevölkerungsvorausberechnungen für Deutschland werden in regelmäßigen Abständen in enger Kooperation zwischen den statistischen Ämtern des Bundes und der Länder erstellt. Diese Berechnungen der zukünftigen Bevölkerungsgröße und Altersstruktur beanspruchen nicht für sich, die zukünftige demographische Entwicklung exakt zu prognostizieren, vielmehr möchten die statistischen Ämter mit dieser Modellrechnung aufzeigen, wie sich wichtige Bevölkerungskennzahlen verändern, wenn bereits heute absehbare demographische Tendenzen auch in Zukunft fortbestehen würden.
Mit Hilfe der Bevölkerungsvorausberechnung möchten die statistischen Ämter Frühindikatoren für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft liefern, damit diese rechtzeitig und proaktiv auf demographische Wandlungsprozesse reagieren können.
Annahmen
Basierend auf der langfristigen Beobachtung von bevölkerungsdynamischen Prozessen in Deutschland und in vergleichbaren Staaten sowie auf Hypothesen über wahrscheinliche soziale, wirtschaftliche und politische Veränderungen stellte ein Expertengremium verschiedene Hypothesen zur zukünftigen Entwicklung der demographischen Kennzahlen Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Außenwanderung1 auf.
Doch die Markterschließung ist nicht einfach: Die inzwischen recht zahlreich vorliegenden Best-Ager-Typologien unterscheiden sich hinsichtlich der Zahl der ermittelten Zielgruppen als auch der Zielgruppenbeschreibungen deutlich voneinander: So geht beispielsweise TNS Infratest von drei Seniorenzielgruppen aus, während dialog.com neun verschiedene Konsumentengruppen im Alter von über 50 Jahren voneinander unterscheidet.
Im Rahmen der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung wurden Kombinationen aus diesen verschiedenen Hypothesen zu den drei Themenfeldern Geburtenhäufigkeit und Lebenserwartung sowie Ein- und Auswanderung gebildet. Insgesamt berechnete das Statistische Bundesamt 12 verschiedene Varianten, d.h. 12 verschiedene Annahmenkombinationen, die im Anschluss wiederum von dem Expertenkreis hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens bewertet wurden.
Im Rahmen dieses Artikels sollen der Übersicht wegen nur die zwei wahrscheinlichsten Varianten dargestellt werden. Diese beiden Varianten bilden die Spanne, innerhalb derer sich die Bevölkerungsgröße und der Altersaufbau der deutschen Gesellschaft entwickeln wird, wenn sich die aktuell ablesbaren demografischen Trends in den nächsten knapp 50 Jahren fortsetzen würden.
Da diese beiden Varianten davon ausgehen, dass es keine Veränderungen zur derzeitigen Entwicklung gibt, wird die Spanne zwischen den beiden Varianten als „mittlere Bevölkerung“ bezeichnet.
Die nachfolgende Tabelle stellt die Annahmen im Überblick dar:

Quelle: Pressebroschüre „Bevölkerungsentwicklung bis 2050“ (als pdf, 808KB)
Die Annahmen zur Entwicklung der Geburtenziffern und der Lebenserwartung sind bei beiden Varianten zur mittleren Bevölkerung gleich. Lediglich hinsichtlich der Außenwanderung, d.h. der Wanderungsbewegungen über die Landesgrenzen Deutschlands hinweg, wird von zwei unterschiedlichen Annahmen ausgegangen. Für die Variante 1 rechnet das Statistische Bundesamt mit einem Wanderungsüberschuss von 100.000 Personen, für die Variante 2 mit 200.000 Personen.
Zusammenfassung der wichtigste Ergebnisse
Niedrige Geburtenhäufigkeit und ansteigende Zahl der Sterbefälle führen zu einer dauerhaft schrumpfenden Bevölkerungszahl.
In Europa gibt es zwar einige Länder, in denen die Geburtenhäufigkeit noch geringer ist als in Deutschland. Beispielsweise haben die neuen EU-Mitglieder Polen und die Tschechische Republik mit 1,2 Kindern je Frau eine noch geringere Geburtenrate als die Frauen hierzulande. Während in diesen osteuropäischen Staaten die Geburtenhäufigkeit jedoch erst nach der politischen Wende um 1990 allmählich auf dieses niedrige Niveau gesunken ist, ist Deutschland das einzige europäische Land, in dem die Geburtenziffern schon seit den 70er Jahren bei etwa 1,4 Kindern je Frau verharren. Um die Elterngeneration ersetzen zu können, wäre jedoch eine Geburtenrate von etwa 2,1 nötig.
Die dauerhaft deutlich niedrigere Geburtenhäufigkeit in Deutschland führt dazu, dass die Zahl potenzieller Mütter von Generation zu Generation immer kleiner wird. Auch wenn die Geburtenhäufigkeit mit 1,4 Kindern je Frau weiterhin bis 2050 konstant bleibt, führt dies dennoch dazu, dass die Jahrgänge immer kleiner werden.
Trotz der steigenden Lebenserwartung steigen zudem die Sterbefälle, weil bis 2050 die stark besetzten Jahrgänge „in die Jahre kommen“ und sterben werden.
Aufgrund dieser beiden Trends schrumpft die Gesamtbevölkerung bereits seit 2003 – und diese Entwicklung wird sich voraussichtlich auch in den nächsten Jahrzehnten weiter fortsetzen. Nach den vorliegenden Berechnungen geht die Bevölkerungszahl von 82,5 Mio. im Jahr 2005 auf knapp 69 Mio. (Variante 1) bis 74 Mio. (Variante 2) im Jahr 2050 zurück.
Die Altersstruktur wird sich grundlegend wandeln und die deutsche Gesellschaft wird immer älter!
Die Alterung der Bevölkerung lässt sich am einfachsten am Durchschnittsalter festhalten: Im Zeitraum von 1990 bis 2005 ist die Bevölkerung im Durchschnitt bereits um 3 Jahre gealtert – das Durchschnittsalter betrug 2005 42 Jahre. Bis 2050 wird das durchschnittliche Lebensalter aller Voraussicht nach noch einmal um 8 Jahre auf ca. 50 Jahre steigen.
Eine Betrachtung der Veränderung der Altersstruktur ermöglicht ein etwas differenzierteres Bild vom Alterungsprozesses der deutschen Gesellschaft.
Der Anteil der unter 20-Jährigen und der der Erwerbsbevölkerung3 an der Gesamtbevölkerung nimmt im Zeitverlauf immer weiter ab, während der Anteil der über 65-Jährigen ansteigt:

Quelle: Pressebroschüre „Bevölkerungsentwicklung bis 2050“ (als pdf, 808KB)
Diese Entwicklung hat zur Folge, dass eine immer kleinere Zahl an Personen im erwerbfähigen Alter eine immer größer werdende Zahl an jungen und alten Menschen unterstützen muss. Kamen im Jahr 2005 auf 100 Erwerbspersonen noch 65 Personen, die noch nicht oder nicht mehr im Erwerbsalter standen, wird sich diese Zahl bis 2050 auf 89 (Variante 2) bzw. 94 (Variante 1) pro 100 Erwerbspersonen erhöhen.
Fazit
Die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung macht nicht nur deutlich, welche massiven Veränderungen unsere Gesellschaft in Zukunft bewältigen muss, sie weist außerdem darauf hin, dass viele dieser Veränderungen schon heute nicht mehr umkehrbar sind.
Jedoch ist die Lage zwar ernst, aber nicht ausweglos: Zwar haben die uns bevorstehenden demographischen Veränderungen nicht nur Auswirkungen auf das Fortbestehen des Wohlfahrtsstaats – wie gerade vermehrt in den Medien diskutiert, sie zeitigen auch weitergehende Wirkungen auf die Wirtschaft. Diese müssen – wie bereits in den vorhergehenden Ausgaben des MR&S Lichtblicks gezeigt – nicht notwendigerweise negativ sein. Um jedoch vom demographischen Wandel profitieren zu können, sollten Unternehmen schon früh die Zeichen der Zeit erkennen und proaktiv eine strategische Neuorientierung vornehmen.
Die amtliche Statistik macht deutlich: Es macht nur wenig Sinn, den Kopf weiterhin in den Sand zu stecken!
Quellen:
Materialien zur 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes
Besonders empfehlenswert: animierte Alterspyramide 1950-2050
1 Als Außenwanderung wird die Differenz zwischen den Zuzügen nach und den Fortzügen aus Deutschland bezeichnet, synonym wird der Begriff Wanderungssaldo verwendet.
2 Der Wanderungsüberschuss gibt an, wie viele Personen pro Jahr mehr nach Deutschland einwandern als im gleichen Zeitraum Personen aus Deutschland auswandern.
3 Die Erwerbsbevölkerung ist definiert als alle Personen im Alter von 20 bis 65 Jahren.
Bei Rückfragen zum Artikel steht Ihnen Frau Petra Kemmerzell gerne zur Verfügung:
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